Sisi Rose – Stiefvater, darf ich darauf kommen?
Die Nacht war dunkel und still, nur der Lärm des Windes durch die Gitter der Fensterfüllung. Sisi Rose ließ die Lappen ihres Kleides fallen, ein sanfter, leicht brennender Rauch, der sich in der warmen Luft der großen Bibliothek auflöste. Sie stand am Fenster, ihre Rückenlehne auf dem Stuhl, und blickte hinaus in die vernebelte Nacht. Die Gedanken, die sie gerade hatte, waren ein heißer, unerklärlicher Durcheinander.

Sie hatte ihn gesehen, natürlich. Alle in der Familie waren es. Der neue Stiefvater. Der Mann, der ihre Mutter, die seit Jahren einsam war, gepflegt und liebevoll versorgt hatte. Er war ein Mann der Welt, mit einem Lächeln, das sie oft im Schlaf beobachtet hatte – ein Lächeln, das nicht nur ihre Mutter erfüllt, hatte, sondern auch etwas anderes, etwas tieferes in ihr geschafft, etwas, das sie jetzt versucht, zu verstehen.
Sie erinnerte sich an den letzten Abend. Sie waren allein in der Wohnzimmergarde, nachdem die anderen Gäste gegangen waren. Er hatte sie um einen Tisch gekommen, um eine alte, vergilbte Karte zu betrachten. Seine Hand hatte sich, unbeabsichtigt, leicht auf ihr Bein gelegt, während sie den Punkt auf der Karte deuteten. Die Berührung hatte sie erwischt – ein leichter Kontakt, der sofort zu einem heißen, unangenehmen Gefühl in ihrem Bauch führte. Sie hatte sich unwillkürlich zurückgezogen, aber nicht weit genug. Sein Blick hatte sich dann auf ihren Gesicht ausgerichtet, und sie hatte gesehen, dass er sie sah, nicht als Tochter ihrer Mutter, sondern als jemanden, der ihm etwas sagte, das er längst nicht mehr gefunden hatte. Das Feuer in seinen Augen hatte sie entzündet.
Die Frage, die sie sich nun laut vor ihrem eigenen Ohr stelle: “Stiefvater, darf ich darauf kommen?” war nicht nur eine Frage nach Erlaubnis, sondern eine Suche nach Verständnis, nach Begründung. Was war es, das sie versuchte, auszudrücken? Die unerklärlichen, unangenehmen Schmerzen, die sie in der Nackenspitze fühlte, wenn sie an ihn dachte? Die gewaltigen, beängstigenden Träume, die sie nun fast jeden Abend hatte? Die Zuneigung, die sie sich weigern wollte, zu erkennen, aber die sie nicht mehr kontrollieren konnte? Es war alles, ein komplexes, wirrendes Gefühl, das sie nicht alleine tragen konnte.
Sie erinnert sich an seine Antwort, als sie ihn nach der Karte fragte. “Sisi, du bist eine wunderbare Tochter.” Die Worte waren kalt, doch sie hatten nicht die gewohnte Wärme. Er hatte dann, als sie sich zurückgezogen hatte, seine Hand auf ihren Arm gelegt. “Du wirst es verstehen, wenn du später müde bist. Wir können reden.” Die Berührung hatte wieder eine Wärme hervorgebracht, die sie nicht abweisen konnte. Er hatte sie nicht mit Worten verklagt, sondern mit einer tiefen, verständnisvollen Stille. Das war anders, als alles andere.
Die Nacht ging weiter. Sisi Rose beugte sich langsam über den Stuhl. Sie hatte das Wort gesagt. Sie war auf den Punkt gekommen, den sie vorher mit der Karte durchgesucht hatte. “Stiefvater?” Ihr Atem war kurz. “Ich… ich wollte fragen… darf ich…” Sie schlug einen tiefen Atem ein. “Darauf kommen?” Die Frage klingelte in der leeren Halle. Sie erwartete eine Ablehnung, eine Entschuldigung, vielleicht sogar Entrüstung. Aber sie sah in seinen Augen, wie die Dunkelheit sich verließ, und er sah sie nicht als Tochter seiner Frau, sondern als jemanden, der ihm etwas fragen wollte, was sie sich selbst noch nicht ganz erklären konnte. Sein Gesicht war still, geduldig. “Ja, Sisi”, sagte er sanft. “Ich bin hier.” Die Worte waren ein Kreuz auf ihre Frage, aber sie waren auch ein Tor, das sich öffnete für etwas, das sie lange geahnt hatte, aber nie gewagt hatte, zu hören.
Die Antwort war nicht einfach “ja” oder “nein”. Sie war ein Gebot der Stille, der Verständnis, der Bereitschaft, sich zu fragen und zu beantworten, was sie mit dem neuen Stiefvater tun wollte. Und in dieser Stille, in dieser wundervollen, unerklärlichen Verbindung, die sie nicht mehr kontrollieren konnte, begann Sisi Rose eine Reise, die sie nie wieder den selben Weg gehen würde.








